Nebelkerzen & alter wein in neuen schläuchen ...
Warum wir vor lauter Englisch den Sinn nicht mehr sehen 💨
Egal, wo wir heute hinschauen – wir werden mit Anglizismen nahezu bombardiert. Ob beim Scrollen durch LinkedIn oder Instagram, beim Lesen von Stellenanzeigen, die „Rockstars“ für die „Visionary Journey“ suchen, oder im täglichen Meeting-Wahnsinn: Wir „alignen“ uns im „Daily Sync“, um die „Agile Transformation“ zu feiern.
Mein Eindruck: Wir nutzen diese Begriffe oft nur, um simple Dinge wichtiger, moderner oder professioneller erscheinen zu lassen, als sie im Kern sind.
🔬 Keine Einbildung!
Die Wissenschaft schaut auch schon (länger) hinter die heiße Luft:
Das Phänomen der „Nebelkerzen“ ist ein langjähriges Forschungsfeld und ein gut dokumentiertes Phänomen, das u.a. in der Sprachwissenschaft und Soziologie, aber auch in wirtschaftswissenschaftlichen Disziplinen oft unter Begriffen wie "Corporate Newspeak", "Imponiersprache" oder schlicht "Business-Denglisch" untersucht wird.
Überlegenswerte Ableitungen und Erkenntnisse daraus:
• Die Status-Falle (Altleitner, 2007): Business-Englisch dient oft als „Eintrittskarte“ zur Elite. Wer mitreden will, muss die Vokabeln nutzen – egal, ob sie Sinn ergeben. Anglizismen sind Bestandteil von (beruflichen wie privaten) Rollen und Rollenspielen.
• Das Kompetenz-Paradox (Oppenheimer, 2006): Wer sich im Jargon der Anglizismen ausdrückt, möchte besonders kompetent erscheinen, wird paradoxerweise jedoch oftmals für weniger fähig gehalten. Wahre Expertise zeigt sich darin, Komplexes einfach zu erklären.
• Die Motivations-Bremse (Bullock & Bisbey, 2025): Eine neue Studie der University of Florida zeigt: Übermäßiger Jargon schadet der Moral. Mitarbeiter fühlen sich sprachlich verunsichert, weniger verstanden und ziehen sich eher zurück, statt inhaltlich wichtige Fragen zu stellen.
Was sagt die Wissenschaft noch dazu ... ?
Die psychologische Wirkung
In der Sozialpsychologie wird untersucht, wie Sprache genutzt wird, um Gruppenzugehörigkeit und Status zu markieren.
- Expertise-Simulierung: Durch Anglizismen wie Agile Transformation, Purpose oder Growth Mindset signalisiert der Sprecher, dass er Teil einer globalen, modernen Elite ist.
- Euphemismus-Tretmühle: Oft werden Begriffe ersetzt, weil das deutsche Wort „verbraucht“ oder negativ besetzt ist.
Personalabbau klingt hart, Restructuring oder Right-Sizing klingt nach einem
notwendigen, fast schon mathematischen Prozess.
Der Namensgebungs-Effekt
Die Wissenschaft zeigt, dass wir Dinge für wertvoller oder innovativer halten, wenn sie einen neuen Namen bekommen.
- Beispiel: Ein „Treffen, bei dem wir kurz den Stand der Dinge besprechen“ klingt nach Routine. Ein „Daily Sync“ klingt nach Hochleistung und Effizienz.
- Wissenschaftlicher Hintergrund: Die Betriebswirtschaftslehre (BWL) lebt oft von Moden. Forscher wie Abrahamson beschreiben „Management-Moden“ als einen Prozess, in dem Manager ständig neue Begriffe kreieren müssen, um ihre Daseinsberechtigung zu rechtfertigen.
Die "Bullshit-Jobs"-Theorie
Der Ethnologe David Graeber hat in seinem Buch Bullshit Jobs untersucht, warum besonders in modernen Bürowelten so viel heiße Luft produziert wird.
- Er argumentiert, dass dort, wo die eigentliche Arbeit keinen klaren gesellschaftlichen Nutzen mehr hat, die Sprache umso komplexer und „wichtiger“ werden muss, um die Sinnleere zu füllen. Anglizismen dienen hier als verbale Nebelkerzen.
Linguistische Studien zum Prestigegewinn
Sprachforscher haben festgestellt, dass Englisch im Deutschen als "High-Prestige-Language" fungiert.
- Distanzierung: Das Englische schafft eine professionelle Distanz. Ein Feedback zu geben fällt leichter, als jemandem „die Meinung zu sagen“ oder „Kritik zu üben“. Es entemotionalisiert den Kern der Sache, was im Business-Kontext oft gewünscht ist.
Drei Faktoren beschleunigen diesen Trend aktuell massiv:
Digitalisierung: Da die meiste Software und die Tech-Trends aus den USA kommen, werden die Begriffe ungefiltert übernommen.
Globalisierung: In internationalen Konzernen ist die „Corporate Language“ ohnehin Englisch – das schwappt in den deutschen Alltag über.
Social Media (LinkedIn & Co.): Plattformen wie LinkedIn fungieren als Verstärker. Wer dort wahrgenommen werden will, muss die aktuelle „Vokabel der Woche“ nutzen, um im Algorithmus (und bei Recruitern) als relevant zu gelten.
💡 Mein Tipp: Lass dich nicht blenden – Frag nach!
Lass dich von der „Wichtigkeit“ englischer Begriffe nicht einschüchtern. Hinter fast jeder Nebelkerze steckt ein ganz simpler Kern. Du kommst ihm durch gezielte Nachfragen auf die Spur:
- Der „Laien-Check“: „Das klingt nach einem großen Konzept. Wenn wir das einem Laien ohne Fach-Jargon erklären müssten – was genau sagen wir ihm da?“
- Der „Konkrete Montag“: „Was genau ändert sich durch dieses ‚Engagement-Tool‘ konkret für meine Arbeit am Montagmorgen um 08:00 Uhr?“
Fazit: Sprache soll Brücken bauen, keine Mauern aus Fachbegriffen. Lasst uns den Wein wieder beim Namen nennen – egal wie schick der Schlauch aussieht! 🍷
Quellen für Interessierte:
- Bullock, O. M., & Bisbey, T. (2025). Jargon in the Workplace Reduces Processing Fluency, Self-Efficacy, and Information Seeking and Sharing.
- Oppenheimer, D. M. (2006). Consequences of erudite vernacular utilized irrespective of necessity.
- Altleitner, P. (2007). Der Wellness-Effekt. Anglizismen in der Unternehmenskommunikation.
- Abrahamson, E. (1996). Management Fashion.
